Methodische Grundlagen des kommunikativ orientierten Grammatikunterrichts

        

Als Extremformen stehen primär kommunikative neben primär grammatikorientierten Übungen. Dem kommunikativen Ansatz folgend werden die Strukturen im Kontext vorgestellt und geübt – im Gegensatz zum formorientierten Ansatz, der auf eine Automatisierung hinarbeitet. Die Anforderung an die Unterrichtenden besteht darin, eine Balance zwischen Bedeutung und Form zu finden.

Dem Prinzip des entdeckenden und experimentierenden Lernens kommt besonders im Zusammenhang mit den sog. Großphänomenen große Bedeutung zu: die Selbständigkeit der Lernenden wird heraus gefordert (besonders im Problemlösungsprozess, in dem es um die Regelfindung geht: Ver­gleichen – Regelmäßigkeiten erfassen – Generalisierung – Schema). Die Lernenden werden zu Hypothesenbilden und  -testen angehalten.

Problemorientiertes und entdeckendes Lernen werden gefördert, wenn es zu einer bewussten Arbeit mit grammatischen Strukturen kommt. Folgende Teiloperationen, mit deren Hilfe grammatische Strukturen erkundet werden können, sind zu unterscheiden:

î         Segmentieren einer Form in ihre elementaren Bestandteile (imperfecto)

î         Kontrastieren von Strukturen (mit der indefinido)

î         Klassifizieren (Verbformen auf –aba)

î         Transformieren bzw. Manipulieren im Prozess des Hypothesentestens (Elemente weglassen, hinzufügen, umstellen, ...)

Allerdings  ist zu Gunsten der Zeitökonomie auf Eindeutigkeit des Materials sowie auf die Prinzipien der Systematisierung und Raffung (über den Einsatz kognitivierender Verfahren) zu achten: Das konkrete unterrichtliche Vorgehen ist jeweils abhängig vom zu behandelnden Grammatikkapitel (d.h. Wahl des induktiven Erarbeitens bei Großphänomen und Verzahnung von Imitation und Kognition). Bei der Einführung der neuen grammatikalischen Form sind Einblicke in die Beziehung zwischen der grammatischen Struktur und deren Funktion in der Kommunikation unerlässlich.

Im Sinne des Spiralcurriculums sind die Strukturen regelmäßig aufzugreifen und zu festigen, um  ein gründliches, jedoch nicht massiertes Lernen zu erreichen: Lerninhalte werden zeitlich verteilt und in immer länger werdenden Abständen wiederholt und ergänzt. Der Einbau von Plateau- und Wiederholungsphasen dient der Konsolidierung.[1]

 

Lehrplan Spanisch

Zu den Themen der Grammatikarbeit zählen gemäß Lehrplan (vgl. Bereich des Faches Sprache): Wortarten, Satzglieder, einfacher Satz, Satzgefüge, Wortbildung, Textkonstitution (S. 12). Betont wird die Bedeutung von authentischen Texten für die integrierte Grammatikvermittlung (S. 30).

Bei der Auswahl der Texte ist auf deren deutliche Markierung zu achten, d.h. das zu behandelnde grammatikalische Phänomen ist häufig und deutlich, auf natürliche Weise repräsentiert.

Die Hinweise zur Gestaltung der Stufe 11 (n) (S. 47 ff.) betonen, dass „im Hinblick auf oberstufen­gemäßes Arbeiten [...] die zügige Einführung der Großphänomene bis Ende 11 vorgesehen [ist], was aber nicht deren gründliche, erschöpfende Behandlung impliziert (vgl. die Übersicht S. 52). Die Vorteile eines solchen Vorgehens liegen auf der Hand: es ermöglicht authentischere Kommunikation bzw. Sprechakte, erweiterte die Ausdrucksmöglichkeiten der Lernenden und erlaubt somit eine hö­here Wendigkeit in Alltagssituationen.“

Grammatische Phänomene haben dienende Funktion für das sprachliche Handeln: eine Äußerung ist häufig trotz grammatischer Verstöße des Sprechers zu verstehen; bei Verstößen gegen die an­gemessene Verwendung von Vokabular sind Störungen des  Kommunikationsprozesses hingegen ungleich wahrscheinlicher.

Auf der Ebene der Textrezeption macht die Kenntnis textgrammatischer Gesetzmäßigkeiten den Schülerinnen und Schülern die Verarbeitung einer bestimmten Textsorte möglich. Hinsichtlich der Textproduktion sind als Leitfragen die der Kohärenz und Kohäsion hervorzuheben; hierbei spielen auch grammatische Regeln eine Rolle. Bei der Formulierung der Aufgabenstellung, von einem Ferienerlebnis zu berichten, das den Sprecher stark berührt hat, muss man die formalen Vorgaben der Textsorte beachten, in diesem Fall sind es die Merkmale einer Erzählung (mit expressiver Sprechabsicht). Drei Ebenen rücken in den Blick:

î         Textebene (Kohärenz und Kohäsion):  z.B. Verwendung von Personalpronomen

î         Satzebene:  z.B. temporale Nebensätze

î         Wortebene: z.B. indefinido / imperfecto

 

Schlüsselfragen und Prinzipien des Lehrens / Lernens von Grammatik

î         Auswahl der Struktur nach den Prinzipien der Frequenz und Transferierbarkeit

î         Überprüfen der Relevanz der grammatikalischen Form für den Kommunikationsprozess, d.h. der Schwerpunkt sollte auf echten Informationen bzw. Meinungen und dem tatsächlichen Sprachgebrauch der Lernenden liegen, etwa dadurch, dass ein Problem und dessen Lösung im Mittel­punkt stehen.

î         Basis ist der authentische Text, in dem das betreffende grammatikalische Phänomen auf natürliche Weise auftritt, so dass es von den Schülern erkannt und isoliert werden kann; der mögliche funktionale Zusammenhang von Textsorten und Grammatik ist im Vorfeld zu überprüfen.

î         Reduktion bei der Präsentation und zyklischer Ansatz (Stichwort: Spiralcurriculum)

î         Jetzt-und-Hier-Check: zielsprachliche Natürlichkeit der Beispiele, d.h. die Übungen sollten reale Kommunikationssituationen simulieren

î         Eindeutigkeit der Beispiele

î         Bewusstmachen der Beziehung zwischen grammatikalischer Form und ihrer Bedeutung in speziel­len Kontexten; zu erreichen über Sammeln und Austauschen von Informationen durch die Lernenden

î         Prinzipien des konstruktivistischen Ansatzes (z.B. Vorwissen) bedenken

î         Verständlichkeit der Regeln und deren Konzentration auf das Wesentliche

î         Möglichkeiten der Visualisierung (Tabelle, Graphik)

 

Kennzeichen von Übungen zur Förderung der kommunikativen Kompetenz der Lernenden:

1.      die Lernenden befinden sich in einer Kommunikationssituation,

2.      die gekennzeichnet ist durch einen thematischen - für die Lernenden relevanten - Bezugsrahmen, innerhalb dessen sie sich äußern möchten, wozu sie wiederum

3.      zwecks Verständlichkeit neben spezifischem Vokabular auch eine bestimmte grammatikalische Struktur benötigen.

 
Ungeeignet sind Übungen, die zu unnatürlichem Sprechhandeln führen, d.h.:[2]

î         Übungen, die eine rein mechanische Anpassung der Lernenden erfordern

î         Übungen, die weder eine richtige Aufgabe darstellen noch eine Orientierungshilfe bieten und letztlich zu rein formalen Äußerungen führen („Satzleichenproduktion“)

î         Übungen ohne natürlichen Kontext

î         Übungen, die unverbundene Einzelsätze anstelle von längeren Äußerungen verlangen

î         unreflektiert eingesetzte Übungen aus Lehrbüchern

 

Fragen und Probleme

î         die Zielrichtung der Übung: Wird Korrektheit oder Flüssigkeit des Ausdrucks angestrebt? Ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Fehlertoleranz und Fehlerkorrektur ist zu finden.

î         der Zeitpunkt der Einführung von grammatikalischen Formen: nicht immer ist eine eindeutige Zuordnung zwischen Form und Funktion möglich,

î         das Verhältnis von Lehren und Lernen: die lineare Behandlung von Grammatikphänomenen läuft eigentlich dem nicht-linearen natürlichen Lernprozess konträr (Konstruktivismus: Hypothesenbildung, feedback, Lernen durch Modifikation) Þ "gelehrt wird linear, gelernt nicht-linear"

î         der Stellenwert von Fehlern: sie werden als produktive Hilfe im Lernprozess behandelt und weiter verarbeitet

î         Lernspezifika der Schülerinnen und Schüler (induktiver Ansatz vs. Regelwissen)

î         Fähigkeit zur Anwendung von Regelwissen stellt sich als Kontinuum zwischen implizitem (Lernende wenden Regel unbewusst an) und explizitem Wissen (eine Grammatikregel kann meta­sprachlich umformuliert werden) dar.

 

implizit                                                                                                                        explizit

___½__________________½_______________________½______________½________

Lernender wendet

die Grammatikregel unbewusst an

Lernender intuye, dass das Sprachbeispiel

grammatikalisch richtig ist

Lernender kann Regel mit eigenen Worten umschrei­ben

Lernender kann

Regel metasprachlich umformulieren

[exzerpiert aus: Joe Sheils, Kommunikation im Fremdsprachenunterricht; Die Entwicklung der sprachlichen Kompetenz (Ka­pitel 8)]

 

Spanisch als Arbeitssprache

Das Wissen um Regeln trägt zu deklarativem und prozeduralem Sprachwissen bei. Von Anfang an kann die Besprechung von Grammatik auch in der Zielsprache erfolgen, zunächst auf elementarem Niveau, dann zunehmend komplexer, bis sich allmählich eine Fachsprache heraus bildet.

Die Schülerinnen und Schüler beschreiben auf der Grundlage ihres zunehmenden sprachlichen Wissens ein Phänomen in der Zielsprache. Die Progression der grammatischen Terminologie hat ihren Ausgangspunkt in der (begrenzten) Schülersprache; etwa: "Si quieres expresar una acción terminada en el pasado, utilizas el indefinido".

 

Festigung von Grammatik

Bei der Vermittlung sind behaltensunterstützende Visualisierungs- und Präsentationstechniken einzuplanen sowie die unterschiedliche Lernertypen (und deren Motivation) zu bedenken; innerhalb einer Sequenz sind geeignete Plateauphasen einzuplanen.

Den Schülern ist möglichst oft die Gelegenheit zu geben, an Bekanntes anzuknüpfen und selbsttätig zu werden, d.h. ihre eigene Hypothesen zu überprüfen und ggf. richtig zu stellen. Zur Förderung von Selbsttätigkeit sind folgende methodische Vorgehensweisen denkbar:

î         Sie präsentieren das betreffende Grammatikkapitel und benutzen dabei eine Grammatik[3].

î         Sie entwerfen selber Übungen für die anderen Kursmitglieder.

î         Im Hinblick auf die Erstellung einer Lernergrammatik legen die Schüler einen Grammatikordner (z.B. auf ihrem PC) an, den sie im Verlaufe des Spanischkurses revidieren, ergänzen und aktualisieren.

î         Mit Blick auf die Herausbildung von Sprachbewusstheit und die Fähigkeit zur Selbstevaluation legen die Lernenden eine (Check)Liste mit ihren häufigsten Fehlern an, um ihre persönliche Fehlerdiagnose voran treiben zu können.

î         Im laufenden Unterrichtsgeschehen notiert der Lehrer fehlerhafte Schüleräußerungen auf einer Folie, die anschließend unter Leitung eines Schülers in gemeinschaftlicher Analysearbeit korrigiert werden.

î         ...

 

Die angestrebte zunehmende Sicherheit bei der Anwendung spiegelt sich idealer Weise auf natürliche Weise wider, d.h. anzustreben ist nicht der mit einem Grammatikphänomen überfrachtete Schülertext, sondern derjenige, in dem reformulaciones variabel verwendet werden.

 

©Petra Schattschneider



[1] vgl. „Übungen“, in: Beile, FU 92, 1988

3 Statistik: Vergleiche; Graphiken: Passiv; Werbeanzeigen: imperativo, subjuntivo, comparaciones; Bildbeschreibung: Verlaufsform

[2] In diesem Zusammenhang stellt sich insbesondere die Abfolge der tiempos del pasado in vielen Lehrbüchern als höchst problematisch dar. Die frühzeitige Behandlung des Perfekts –vor indefinido und imperfecto – kann in gekünstelte Aufgabenstellungen münden und damit zu Stilblüten führen, wie z.B. eine Geschichte im perfecto nacherzählen zu lassen!).

 

 

 

[3] Arten von Regeln bzw. Grammatiken: Signalgrammatik / Schulgrammatik/ Lernergrammatik; Monitorregel; Frage(n) der Terminologie