Sprachliche Übungen
Vorbemerkungen
Obwohl in der Fremdsprachendidaktik Art, Dauer und Umfang
des Übens umstritten sind, was sich in den unterschiedlichen Richtungen sowie
zeitversetzt auch in den Lehrbüchern widerspiegelt, ist unstrittig, dass das
Üben wesentlicher Bestandteil des Spanischunterrichts ist und den Übungen eine
zentrale Rolle zukommt. Die aktuelle Diskussion um den Gegensatz zwischen
Instruktion und Kognition und damit der Präferenz für moderierenden Unterricht
wird an dieser Stelle nicht aufgegriffen. Es sollen vielmehr praktische
Hilfestellungen für die Gestaltung von Übungen und Übungsphasen im
dreijährigen Kompaktkurs Spanisch gegeben werden.
Vor dem Hintergrund des
didaktischen Konzepts des integrierten Sprach-, Sach- und Methodenunterrichts
wird als Prinzip fortgeschrieben, dass Übungen immer aus dem konkreten Unterricht
erwachsen, in thematischem Bezug zur Teilsequenz stehen und eine inhaltliche,
sinnvoll kontextualisierte Einheit bilden. Übungen sind unverzichtbarer
Bestandteil aller Teilbereiche des Spanischunterrichts.

Typologie von Übungen
In den folgenden Ausführungen werden
der Übersichtlichkeit wegen nicht alle o.g. Teilbereiche über Beispiele
abgedeckt. Es wird jedoch bei den Beispielen für die Anlage und Erstellung von
Übungen versucht, in der Arbeitsanweisung
den inhaltlichen Bezug genauso auszuweisen wie die zu bewältigenden
Operationen. Eine Reihe von Übungen sind entnommen aus Horizonte[1] oder stehen im Zusammenhang mit
den Modulen in dem Buch.
Festigungsübungen
Festigungsübungen schließen sich in Stunden mit grammatischem
Schwerpunkt an die Phase der Induktion an. Sie sind notwendiger Bestandteil der
Festigung und Anwendung und dienen dazu, das grammatische Phänomen zu
habitualisieren. In der Phase wird die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und
Schüler noch einmal auf den neuen Stoff gelenkt; das sprachliche Phänomen wird
bewusst verwendet.
Die Übungen sind je nach Übungsintention offen(er) oder geschlossen.
Man spricht von geschlossenen Übungen, weil in ihnen so viel sprachliches
Material vorgeben ist, dass sich die Schülerinnen und Schüler nur in einem
abgegrenzten Rahmen bewegen.
Die Gestaltung von Übungssituationen richtet sich nach dem
zu erlernenden Stoff. Sie ist vor allem im Mündlichen nicht immer einfach, weil
gerade die Sprechsituation möglichst die einer natürlichen Kommunikation sein
soll, in der unterschiedlichste Prozesse ablaufen: Die Sprechenden können nicht
die gesamte Konzentration auf das neue sprachliche Phänomen lenken,
sondern müssen darüber hinaus auch
bisher Gelerntes aktivieren sowie sich auf die aktuelle Sprechsituation
einstellen.
Die Übungen müssen den Erfordernissen eines modernen
Spanischunterrichts bei jungen Erwachsenen durch die intelligente Anlage der
Übung z.B. über sinnvolle Fragen und eindeutige Stimuli entsprechen. Das
Bearbeiten und Lösen von Übungen stellt je nach Gestaltung der Übung
unterschiedliche Anforderungen an die Lernenden. So ist es schwieriger, sich
auf die Morphologie aller Personalendungen des indefinido zu
konzentrieren als nur auf eine Person. Noch schwieriger ist es, sowohl die
Morphologie als auch die funktionale Abgrenzung etwa indefinido von imperfecto
zu leisten. Die leichteren Übungen mit größeren Hilfen – etwa mit
Beispielen – sind den schwereren vorgeschaltet.
1.
Imitationsübung (mündlich): Die reine
Reproduktion auf die Aufforderung „Repite“[2] oder das
Chorsprechen sind abzulehnen. (Das ungeordnete Nachsprechen und Imitieren
phonetischer Einheiten – etwa rr oder r / ch / Vokale – ist gleichwohl eine
sinnvolle Übung bei der Arbeit an phonetischen Kenntnissen.)
Möglichkeiten für die Übung der tiempos
del pasado
Beispiel: L: ¿En qué año nació Velázquez? S: Nació en
1599 oder S: en 1599.
– Unterbrechungen wie Una frase completa sollten vermieden und zur nächsten Frage übergegangen werden. Es ist nicht
zwingend, dass das Verb wiederholt wird (s. oben Produktion und
Rezeption) und in ganzen Sätzen geantwortet wird, da die Antwort im Teilsatz der natürlichen
Kommunikationssituation entspricht.
Der
Vorteil einer solchen Übung liegt darin, dass Inhaltselemente endgültig
geklärt werden. Es wird noch nicht nachgewiesen, dass die Kursmitglieder
anfangen, das neue Phänomen aktiv zu beherrschen, denn der Umgang mit dem
Neuen im Beispiel des indefinido ist rezeptiv.
Fragen auf Kärtchen schreiben mit
dem Infinitiv anstelle der finiten Verbform;
S. müssen die Form selbständig bilden und jemanden fragen. Karte 1: ¿Cuándo (empezar) a
pintar? S1: ¿Cuándo empezó a
pintar? S2 [Empezó] en 1609. (vgl. Horizonte S. 84). Die Aufgabe könnte erleichtert
werden durch die ausschließliche Verwendung der Verben auf –ar.
– Am Rande sei vermerkt, dass bei
der obigen Aufgabe eine Schwierigkeit in der spontanen Verwendung der Zahlen
liegt.
-
über Fragekette mit Karteikarten den indefinido anwenden lassen: Erste Frage: S1: ¿Qué hizo Colón en
Portugal? Erste Antwort: S2: Estudió
las técnicas de navegación etc. (vgl. Horizonte S. 63 ff). Zur
Kontrolle der Richtigkeit könnte die korrekte Antwort auf der Karte mit der
Frage stehen.
-
Einen einzigen Stimulus setzen bzw. eine Frage stellen, auch
über Gestik klar machen, was zu tun ist (eventuell Blick ins Buch zulassen): L:
Bueno, vamos a ver las etapas de la vida de Cristóbal Colón: Erste
Antwort: Nació en Génova; zweite
Antwort: Naufragó cerca de la costa portuguesa; dritte Antwort: Se
salvó; vierte Antwort: Llegó a Portugal
2. Substitutionsübung
Beispiele:
-
nicht-differenzierend
mit Beispiel : Sustituye los complementos directos por los pronombres
correspondientes. Ejemplo: Jaci graba muchos discos – Jaci los graba
-
nicht-differenzierend
ohne Beispiel : Sustituye los complementos directos por los pronombres
correspondientes.
-
differenzierend
ohne Beispiel : Sustituye los complementos directos e indirectos por los pronombres
correspondientes. Jaci graba muchos discos. Quiere mucho a su familia.
Siempre cuenta sus vivencias a su madre.
3. Ergänzungsübung
(schriftlich): ¿Qué le/s gusta? Completa con el
pronombre correcto.
-
A Alejandro, ... gusta mucho su mujer Jaydy
-
A los dos ... encanta hacer largas
conversaciones ... (Horizonte S. 57/3)
4.
Einsetzübung (schriftlich).
Differenzierende Übungen sind
besonders bei gravierenden Unterschieden zum Deutschen wichtig (z.B. subjuntivo, tiempos del pasado)
5. Transformationsübung (schriftlich):
Costa Rica atrae a los turistas.
Es una ventaja para la economía tica. (Horizonte, 113 / 2 a-e)
(Horizonte, S. 105 / 3 a-j)
Anwendungsübungen
Anwendungsübungen sind immer frei, zumeist mündlich,
themengebunden-situativ mit deutlichem inhaltlichen Schwerpunkt: Sie schließen sich
in der Regel an die Festigungsübungen an. Das neue Phänomen wird in einer
quasi-authentischen
Kommunikationssituation verwendet. Es muss schon so habitualisiert
sein, dass sich die Schülerin oder der Schüler auf den Inhalt der Aussage
konzentrieren kann, auch wenn der zu übende Stoff zwingend angewendet werden
muss.
Beispiele für Impulse und
Aufforderungen:
-
grammatischer Stoff: subjuntivo.
Beispiele
1.
(mündlich) Sabemos que muchas cosas les
disgustan a los hombres. Y a las mujeres ¿qué es lo que a ellas les disgusta? (Horizonte - Módulo: Amor y desamor)
2.
(schriftlich) Escribe
un emilio a El País Tentaciones contando de qué estás harta tú.
-
grammatischer Stoff: indefinido und imperfecto.
Beispiele
1.
(mündlich oder schriftlich) Vamos a hablar
sobre la conquista de América
2.
Informe a sus compañeras sobre el rol del
cacao en el México de los aztecas
3.
(mündlich) ¿Cómo pasaste el fin de semana?
-
grammatischer Stoff:
Adjektivattribute / Angleichung von Adjektiven.
Beispiel: Describe Alejandro Sanz
-
grammatischer Stoff: reflexive
Verben.
Beispiele
1.
¿Qué haces por la mañana antes de ir al
colegio?
2.
¿Cómo pasa Alejandro Sanz el día?
Die Übungsfolge in der Festigungs- und
Anwendungsphase
Die Übungsfolge bezieht sich nicht auf eine Einzelstunde, sondern
auf die Phasen der Arbeit am neuen sprachlichen Phänomen innerhalb der
Binnensequenz. Als Faustregel für die maximale Anzahl von Übungen in einer
Stunde könnte die Zahl 5 gelten. Die Festigung soll immer in die Anwendung münden. Anfangs- und
Schlusssituation einer Stunde sollten mündlich sein (sofern es sich nicht um
ein typisch schriftsprachliches Phänomen handelt).
Es ist zu berücksichtigen, dass die Übungsfolge nicht
zwingend ist für jeden Übungstyp und nicht jeder Übungstyp für jedes grammatische
Phänomen und für jeden Stoff geeignet oder notwendig ist.
Grundsätze für die
Übungsfolge
î
Festigungsübung vor Anwendungsübung
î
Nicht-differenzierende (analoge) Übungen vor
unterscheidenden (differenzierenden)
î
Übungen mit Beispiel vor Übungen ohne Beispiel
î
Variationslose Übungen vor variierenden
î
mündliche Übungen vor schriftlichen
î
eine schriftliche Übung zwischen zwei mündlichen
î
mündlich mit Buch bzw. Arbeitsblatt vor mündlich ohne Buch
bzw. Arbeitsblatt
î
mündliche Anwendungsübung mit vorgegebenem Sprachmaterial /
mit Buch bzw. Arbeitsblatt / Folie vor mündlicher Anwendungsübung ohne
vorgegebenes Sprachmaterial / ohne Buch bzw. Arbeitsblatt / Folie
Die (idealtypische) Abfolge von Übungen garantiert noch
keine adäquate Sprachperformanz. Untersuchungen haben ergeben, dass richtig
gelöste Übungen (v.a. gebundene Übungen wie Lückentexte) nicht automatisch die
richtige Verwendung in mündlichen und schriftlichen Texten und
Kommunikationssituationen zur Folge hat. Das liegt daran, dass die Fokussierung
auf ein spezielles Phänomen die Aufmerksamkeit bündelt, während in komplexeren
sprachlichen Situationen, wenn viele mentale Prozesse simultan ablaufen, das
Neue teilweise oder ganz vergessen wird.
Mithin muss das neue sprachliche Material immer auf
geeignete Art in Erinnerung gerufen und verwendet werden. Im Sinne eines
Spiralcurriculums werden die grammatischen Großphänomene, der Wortschatz, die
kommunikativen Fähigkeiten progressiv erweitert. Das bedeutet auch, dass die
Teilsequenzen der Qualifikationsstufe unter dem Aspekt der Wiederholung und
Vertiefung bestimmter grammatischer Phänomene, der bewussten Erweiterung des
Wortschatzes, der Schulung der methodischen Fähigkeiten erstellt werden müssen.
In einem solchen Unterricht hat auch das Regelwissen seinen Stellenwert.
Im Vergleich zu den sprachlichen Langzeitkursen fehlt im
dreijährigen Spanischunterricht die Inkubationszeit, die benötigt wird, um ein
sprachliches Phänomen zu habitualisieren. Vor diesem Hintergrund muss auch die
Fehlertoleranz im Spanischunterricht größer sein.
Eine kritische Stimme zur didaktischen Reduktion bei
der Einführung grammatischer Phänomene
Die Kognitionspsychologie steht der Einführung eines
grammatischen Phänomens mit didaktischer Reduktion skeptisch gegenüber und
meint sogar, dass diese kontraproduktiv sei: nur aus der Fülle von
authentischen Textbeispielen könnten die autonomen Lernenden selbständig ihre
Lernerfahrungen machen und durch Versuch und Irrtum (auch durch den Vergleich
mit der Muttersprache) zum Internalisieren der richtigen grammatischen
Strukturen gelangen. Werner Bleyhl schreibt dazu in Praxis des neusprachlichen
Unterrichts[3]
Ein Lerner baut sich im
Vergleichen von Neuem, das ihm begegnet, mit bereits Gelerntem das System der
neuen Sprache auf; er konstruiert sich sein System. Wenn das so ist, hat das
Konsequenzen für das Lernen, und Möglichkeiten für Selbstlernen,
Selbsterarbeiten durch einen als autonom gedachten Lerner erhalten einen
anderen Stellenwert. Siehe die schon lange gehandelten Begriffe wie
Interimsgrammatik oder Lernergrammatik. D.h. eine neue Struktur wird erfasst,
indem sie in Beziehung zu bereits erworbenem Vergleichsmaterial gesetzt wird.
Dabei fallen die Hypothesen, die der Lerner bildet, jeweils individuell aus;
sie müssen aber im Endergebnis mit dem tatsächlichen System der Sprache
weitestgehend übereinstimmen.
© Hella Klink - http://www.spanischdidaktik-klink.de
[1] Klink und Schattschneider Bonn 2002
[2] Das heißt
nicht, dass im Einzelfall die Wiederholung nicht funktional sein kann: bewusste Wiederholungen können bei
Ausspracheproblemen oder bei zu leisem Sprechen notwendig sein insbesondere
nach einer Korrektur durch die Lehrkraft (z.B. bei der ungewohnten Betonung im indefinido
oder subjuntivo).
[3] Bleyhl, Werner: Der Fallstrick des traditionellen Lehrens und Lernens fremder Sprachen. Vom Unterschied zwischen linearem um nichtlinearem Fremdsprachenunterricht. Praxis 4/96 und ders.: Nicht Grammatik, sondern Sprache. FU (E) 3/1995